• Stefan

Essen-Verschlinger

Den Text schrieb ich vor zwei Jahren, nach einer meiner ersten Familienaufstellungen. :-)

Ich war selten mit meinem Körper zufrieden. Schuld daran war auch mein Essverhalten. Ich konnte nie Essen genießen. Von klein auf verschlang ich Mahlzeiten, weil wenig Zeit blieb und ich gleich wieder in der Wirtschaft mithelfen musste. Es kam quasi auch nie vor, dass etwas von der Mahlzeit übrig blieb, die ich auf dem Teller hatte. Egal, wie groß die Portion auch war. Und wenn ich Schokolade in der Wohnung weiß, überlebte die selten mehr als eine Nacht.

Mit einer Familienaufstellung wollte ich dieses Problem in den Griff bekommen und herausfinden, warum andere Menschen Essen genießen können und auch aufhören, wenn sie satt sind – und ich nicht. Diesmal hatte es meine Aufstellerin nicht sehr leicht mit mir. Ich wusste wohl unterbewusst, dass ich in dieser Sitzung die Liebe zu meiner Mama in Frage stellen würde ...

Es heißt, Erinnerungen sind in unseren Körperzellen gespeichert. Ich kam mir vor, als stünde ich hinter einem dicken Panzerglas, vor so einer Zelle, und würde eine Situation sehen, mit mir als Sechsjährigen. Ich saß als zierlicher Bub vor einem Tisch, vor mir eine große Portion halb aufgegessene Spaghetti Bolognese. Meine Mama kam in die Küche und schimpfte mich, weil ich noch nicht mit Essen fertig war. In der Spüle stapelte sich das Geschirr der Gäste und ich solle noch abwaschen. Sie ging wieder und ich, als der Sechsjährige, war wie gelähmt. Ich brachte einfach keinen Bissen mehr runter, traute mich aber auch nicht zu sagen, dass ich einfach keinen Hunger mehr hatte. Momente später kam meine Mama wieder herein. Aufgebracht. Sie schrie, dass ich endlich aufessen soll und ich fürchtete ihren Liebesentzug. Deshalb aß ich zögerlich, obwohl mir speiübel davon wurde. „Beeil dich! Es gibt viel zu tun!“

Während ich diese Szenerie beobachtete, wallte Wut in mir auf. Ich hämmerte gegen das Panzerglas und schrie zu meiner Mama, dass sie den Kleinen in Ruhe lassen soll. Wenn er das nicht essen mag, dann soll er es auch nicht essen. Doch ich hatte keinen Einfluss auf meine Vergangenheit. Ozeanschwere Tränen füllten meine Augen und ich wusste nicht, wie ich über meine Mama denken sollte, weil sie mir dieses Essensverhalten aufgebürdet hatte.

Plötzlich spürte ich ihre Seele hinter mir. Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte, dass sie mich lieb hat. Es wirkte nicht. Hätte sie mich lieb gehabt, hätte sie mich doch gelehrt, auf meinen Bauch zu hören.

Warum hast du mir das angetan? Das war die Frage, die mich beschäftigte. Sie erklärte mir, dass sie mit allem überfordert war. Die viele Arbeit. Zwei Kinder. Ein Schuldenberg. Es täte ihr so leid. Es fühlte sich für mich so an, als wäre es dafür zu spät. Für mein Herz waren das Floskeln. Dann meinte sie, wäre sie noch am Leben, und würde mir begegnen, wäre ich ihr Vorbild. Dadurch fand sie einen Zugang zu mir. Ich sah sie fragend an. „Wie meinst du das?“

„Dich macht zum Vorbild, dass du dein Leben so lebst, wie du es willst, und dich nicht von diesem Weg trotz aller Widrigkeiten und Zweiflern und Mahnern abbringen lässt. Ich bin sehr stolz auf dich!“

Ihre Worte taten mir gut und sie stärkten mich, wie die Worte einer Mutter ihr Kind stärken sollten. Dann nahm sie mich in den Arm und machte mir klar, dass sie mich liebt. Und hätte sie ihr Leben so gelebt, wie sie es sich gewünscht hätte, hätte sie mir das auch besser zeigen können. Wie all ihren Lieben. Dann schritt sie durch das Panzerglas, als wäre es Illusion, und ging zu meinem sechsjährigen Ich. Verängstigt sah er zu ihr hoch.

„Ich kann einfach nicht mehr", sagte er leise und duckte sich aus Angst vor einer Schelle. Sie lächelte ihn liebevoll an und nahm ihm die Gabel aus der Hand. „Wenn du satt bist, dann brauchst du auch nichts mehr zu essen."

Sie schob den Teller von ihm weg, setzte sich auf einen Stuhl und klopfte auf ihre Oberschenkel. Mein sechsjähriges Ich krabbelte auf ihren Schoß und legte vertrauensselig seinen Kopf in ihre Halsmulde.

Seither kann ich das Essen genießen, weil dieser so tief abgespeicherte Glaubenssatz, immer alles aufessen zu müssen, und mich dabei zu beeilen, aufgelöst wurde ...

Herzlichst,

Stefan von ✨Dialog mit deinem Herzen✨

 

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